Zalona - „Wie schaffst du das nur!”

Demokratie zum Reinbeißen

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Es soll jedem überlassen bleiben, ob er Fleisch ißt oder sich vegan ernähren möchte

Manchmal, im Winter, hing ein Hase im Fell bei uns zu Hause auf dem Balkon, steif und tot und als Weihnachtsbraten vorgesehen, mein Vater hatte ihn von einem Kollegen bekommen, der Jäger war. Wir Kinder schworen, nichts davon zu essen, und soweit ich mich erinnern kann, aßen wir dann auch nichts. Würstchen mochten wir schon. Nur wollten wir eben nichts mitbekommen von der Verwandlung von Tieren in Wurst und Fleisch. Wir dachten ungefähr so wie Feinschmecker heute. Zumindest denken viele Spitzenköche, dass Feinschmecker so denken: Sie wickeln Filetstückchen in Brotteig, formen Gänseleber zu Pralinen und nur ungern muten sie dem Gast ein Stück Knochen zu, denn der Knochen verrät es: Dies hier hat mal gelebt. Es war ein Tier.
Das ist die eine moderne Methode. mit dem Dilemma des Allesfressers umzugehen. Die andere Methode ist irritierend, radikal. Sie sagt: Tiere sind Mitbürger, und seine Mitbürger isst man nicht. Mitbürger Tier. Auf solche Ideen kam niemand in den Sechzigerjahren, als wir aufwachsen. Fleisch war eine Errungenschaft, der Nachkriegshunger war noch nicht vergessen. Dass sich kleine Mädchen zu Vegetarierinnen erklären und über Jahre dabei bleiben: Das kannten wir nicht. Vegetarier waren Menschen, die im Reformhaus Reiswaffeln und verschrumpelte Gurken kauften; seltsame Menschen, viele waren es nicht. Tierschützer halfen im Tierheim mit, ohne das gleich als politische Aktion zu sehen. Fleisch sei „ein Stück Lebenskraft“, sagte die Agrarwerbung, endlich war es, was für ein Segen, für alle verfügbar. Demokratie zum Reinbeißen. Die Landwirtschaft war auf dem Weg, eine Ökonomie zu werden, effizient und wachstumsorientiert; mein Vater, Beamter in der Agrarverwaltung, trug mit dazu In unseren- Streitgesprächen hat er das immer verteidigt: die Großbetriebe, die Hochleistungskuh, das Käfighuhn. Andererseits brachte er es nicht fertig, die Wühlmaus zu töten, die in unserem Garten die Wurzeln wegfraß. Er fing sie mit großer Mühe lebend, brachte sie in den Wald und setzte sie dort aus, in Freiheit. Er liebte Tiere, und alle Haustiere liebten ihn.

2 responses to “Demokratie zum Reinbeißen”

  • Schäfer Maria says

    Die Zeit der „verschrumpelten Gurken“ und Müsliesser ist ja vorbei. Gott sei dank!

  • Interessante These.

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